Spanien begeht den 1. November heute als Dia de Todos los Santos (Allerheiligen), wie das auch in allen anderen katholischen Ländern der Fall ist, wie zum Beispiel in Südamerika, den Philippinen und anderen ehemaligen spanischen Kolonien.
Todos los Santos ist der Tag, an dem spanische Familien nicht nur ihre Heiligen ehren, sondern auch ihre toten Verwandten und Ahnen ehren.
191 Familien, die meisten davon (aber nicht alle) spanisch, werden heute ihrer Verwandten gedenken, die 2004 bei den Terroranschlägen von Madrid ihr Leben verloren haben. Der Tag wird in Spanien wegen des Datums am 11. März auch 11-M genannt. 42 der Toten waren Nicht-Spanier und kamen aus 13 anderen Ländern, zumeist Südamerikas. Allein hieraus kann man auf die hohe Quote von Einwanderern schließen, die das Spanien zu Beginn des 21. Jahrhunderts ausmachen.
Gestern wurden nun die Urteile eines spanischen Gerichts in Madrid gesprochen. Drei der Angeklagten wurden für ihre Beteiligung an den Anschlägen jenes blutigen Dienstags am 11. März 2004 zu Gefängnisstrafen von jeweils über 39.000 Jahren verurteilt. Der Hauptverdächtige, ‘Mohamed der Ägypter’ genannt, wurde allerdings wegen Mangels an Beweisen vom Gericht freigesprochen.
Die Bombenanschlägen des ‘11-M’ bestanden aus einer Serie von kontrollierten Explosionen gegen die Cercancías-Vorortzüge Madrids. Zehn mit Sprengstoff, Schrapnell und Nägeln gefüllte Rucksäcke explodierten in vier Zügen, die im morgendlichen Berufsverkehr in Richtung des Atocha-Bahnhofs in Madrid unterwegs waren. 191 Personen verloren ihr Leben und 1841 Verletzte erlitten zum Teil schwerste Verletzungen. Die Anschläge waren die schlimmsten, die Spanien jemals in Friedenszeiten gesehen hatte.

Die Bombenanschläge von Madrid spalteten Spanien alsbald in zwei Lager, und diese Konfrontierung ist bis heute spürbar.
Die Anschläge geschahen genau 911 Tage nach dem 11. September 2001 (auch 9/11 genannt) und nur drei Tage vor Spaniens Parlamentswahlen 2004. Die konservative spanische Regierung damals unter José María Aznar von der Partido Popular (PP) beeilte sich, den Terrorakt der baskischen Gruppe ETA (Euskadi Ta Askatasuna) zuzuschieben.
Die Bombenanschläge veränderten die politische Lage in Spanien von Grund auf. Die konservative Regierung, die den Wahlsieg schon sicher glaubte, verlor ihr Mandat. Der Wähler wollte der ETA-Phobie Aznars nicht weiter folgen. Stattdessen ging die breite Masse in Spanien von einem Anschlag von Islamisten aus. Man nahm generell an, daß es sich um eine Vergeltungsaktion wegen der Beteiligung Spaniens am Irakkrieg handeln konnte, der bei der spanischen Bevölkerung äußerst unpopulär war und der vom Parliament in Madrid nicht durch eine Abstimmung gutgeheißen war.
Sieben der Hauptverdächtigen, zumeist Marrokaner, sprengten sich in einem Apartment in einem Vorort von Madrid selbst in die Luft, als deren Gebäude während einer Razzia im April 2004 drei Wochen nach den Anschlägen von der Polizei umstellt war.
Die überlebenden Verdächtigen, 27 Männer und eine Frau (19 Araber, überwiegend Marrokaner, sowie neun Spanier) waren nun wegen Mordes, Urkundenfälschung und Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Alle Angeklagten hatten eine Beteiligung an den Anschlägen von Madrid während des 4-monatigen Verfahrens stets abgestritten und dabei immer auf ihre Unschuld plädiert.
21 der 28 Beschuldigten wurden gestern nun wegen mindestens einer der Anschuldigungen verurteilt. Sieben der Angeklagten wurden wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Ein Angeklagter war bereits während des Verfahrens von seiner Mitwirkung freigesprochen worden.
Der Richter des Verfahrens verkündete auch, daß eine Beteiligung der spanischen Separatisten ETA nicht nachgewiesen werden konnte. Nach der Urteilsverkündung sagte der spanische Staatspräsident José Luis Zapatero: “Heute wurde der Gerechtigkeit Genüge getan. Jetzt müßen wir der Zukunft entgegensehen”.
Entschädigungen für die Opfer von zwischen 30.000 € und 1.500.000 € wurden ebenfalls festgelegt.
Die Opfer und ihre Familien sind in zwei Lobbygruppen organisiert, von denen eine dem linken Lager und die andere dem rechten Lager zugeordnet werden kann, wie das der gesellschaftlichen Lage im heutigen Spanien durchaus entspricht. Die Asociación de Ayuda a las Víctimas del 11-M hat die Urteilsfindung bereits ausdrücklich kritisiert und ist insbesondere mit den Quoten der Entschädigungen nicht einverstanden. Die zweite Opfervereinigung, Asociación 11-M Afectados por el Terrorismo, hat bereits eine Berufung gegen das Urteil von gestern angekündigt.
Aber Gerechtigkeit ist eine zarte Pflanze. Seit dem 11. September gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in Spanien eine ausgesprochene Berührungsangst, wenn nicht sogar erhebliche Vorurteile gegen Araber, insbesondere Marrokaner, Muselmanen und alles Islamische.
Wir werden vielleicht nie wissen, was am 9/11 oder am 11-M wirklich passiert ist.
Spanien wird im März 2008 erneut Parlamentswahlen abhalten. Ich fürchte, daß die Bombenanschläge von Madrid und die gestrige Urteilsfindung den Wähler in Spanien erneut erheblich beeinflußen werden. Ich glaube nicht, daß die spanische Regierung unter Präsident Zapatero sich eines Wahlsieges allzu sicher sein kann.

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