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Beiträge vom November 2007

Des Königs alte Kleider

30 November 2007 · Kommentar schreiben

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Juan Carlos I. von Spanien, König des Hauses von Bourbon und Aragonien, hat ein schwieriges Jahr hinter sich, das er wahrscheinlich eher vergessen möchte.

Im Frühjahr gab es erst mal gute Nachrichten. Sein Sohn Felipe, der Tronfolger, wurde zum zweiten Mal Vater. Kronprinzessin Sofía de Todos los Santos de Borbón y Ortiz wurde am 27. April 2007 geboren, des Königs achtes Enkelkind.

Der Rest des Jahres war dann erheblich anstrengender.

Kronprinz Felipes Schwägerin Érika Ortiz Rocasolano, die Schwester seiner Frau Letizia, beging im Frühjahr Selbstmord.

Die beiden, Felipe und Letizia, waren dann im Sommer Objekt einer obszönen Karikatur auf der Titelseite der satirischen Zeitschrift El Jueves. Der Verkauf der Zeitschrift wurde untersagt und die Sache ging vor Gericht.

Im Oktober gab es Tumulte, als einige katalanische Nationalisten Fotos mit dem Portrait des Königs verbrannten, als der die Stadt Girona anlässlich einer offiziellen Visite besuchte.

Kurz danach besuchten Juan Carlos und Königin Sofía die beiden Enklaven Ceuta und Melilla, zwei spanische Gebiete an der nordafrikanischen Küste, die von Marokko umgeben sind und die seit langer Zeit von Marokko für sich reklamiert werden. Es war der erste Staatsbesuch dort, seit Juan Carlos inthronisiert wurde, und das ist immerhin 32 Jahre her. Prompt gab es Proteste aus Marokko mit dem Ergebnis, daß der spanische Botschafter in Marokko erst einmal ausgewiesen wurde. Spanien drängt zwar Großbritannien seit fast 300 Jahren darauf, Gibraltar zurückzugeben, scheint aber nicht bereit zu sein, Gleiches für Ceuta und Melilla gelten zu lassen.

Vor wenigen Wochen gab es dann die Nachricht, daß Prinzessin Elena und ihr Mann, Herzog Jaime de Marichalar, nun in Trennung leben und wohl auf eine Scheidung zusteuern (beide im Foto oben, zusammen mit König Juan Carlos). Das ist die erste offizielle Trennung eines Paares aus dem Königshaus in Spanien, die es jemals gegeben hat.

Die lautesten Nachrichten gab es allerdings vor kurzem, als König Juan Carlos dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez auf dem ibero-amerikanischen Gipfeltreffen in Santiago de Chile den Mund verbieten wollte und ihn fragte „¿Por qué no te callas?“ („Warum hältst Du nicht den Mund?!“), mit dem Ergebnis, daß die bilateralen Beziehungen zwischen Spanien und Venezuela erst einmal erheblich unterkühlt sind, wie die das zwischen Marokko und Spanien auch schon sind. Die Aufnahme von “¿Por qué no te callas?“ hat sich seither übrigens in Spanien und in ganz Südamerika zu einem Mega-Verkaufshit für Klingeltöne von Handys gemausert.

Obwohl die Mehrheit der spanischen Bevölkerung bei beiden Anlässen überwiegend hinter dem Königshaus steht, darf man doch nicht übersehen, daß Spanien nicht gewohnt ist, mit schlechten Nachrichten über das Casa Real (Königshaus) umzugehen. 

Die Rolle des spanischen Königs ist in der Verfassung ziemlich klar umschrieben. Er hat repräsentative Aufgaben zu übernehmen. Eine aktive Rolle in der Tagespolitik steht ihm ausdrücklich nicht zu.

Präsident Hugo Chávez mag nicht überall beliebt sein, nicht zuletzt wegen seiner anti-amerikanischen Haltung, aber er ist dennoch ein demokratisch mehrheitlich gewählter Präsident einer souveränen Nation. Ihm öffentlich und im Beisein von Staatsoberhäuptern von 15 südamerikanischen Nationen den Mund zu verbieten, ist zumindest ungeschickt und auf jeden Fall wohl nicht diplomatisch. Hugo Chávez hat dann auch schnell reagiert und festgestellt, daß die einheimische Bevölkerung Venezuelas und ganz Südamerikas sich nach über 400 Jahren Kolonialgewalt und Ausbeutung seitens Spaniens nicht länger den Mund verbieten lasse.

Hugo Chávez hat verlangt, daß Juan Carlos sich bei ihm entschuldigen möge. Bis dahin will Chávez sich die Rolle der spanischen Großunternehmen wie Telefónica, Repsol, Endesa und der Banken Santander und BBVA einmal etwas genauer ansehen, die nach seiner Meinung weiterhin mit einer eher imperialistischen Gesinnung in seinem Land auftreten. 

 

Es könnte sein, daß die Zeit einfach irgendwann einmal kommt, wo auch Könige sich überlegen müssen, ob die Monarchie in dieser Welt noch eine Rolle haben kann, und welche es denn sein sollte.

Und da ist das spanische Königshaus nicht ganz alleine. Auch die Monarchien von Großbritannien, Holland, Belgien, Schweden, Dänemark und Norwegen sind Teil der zehn Königs- oder Fürstenhäuser in Europa, die heute noch eine Rolle zu spielen versuchen. Vielleicht wäre es an der Zeit, einmal ein Pan-Europäisches Gipfeltreffen zu veranstalten mit dem Ziel, eine zeitgemäße Aufgabe für diese Könige, Prinzen und Fürsten zu definieren. Und keiner dürfte dabei keinem den Mund verbieten.

 

Kategorien: Königshaus Spanien · Politik · Spanien

Schuld und Sühne

1 November 2007 · Kommentar schreiben

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Spanien begeht den 1. November heute als Dia de Todos los Santos (Allerheiligen), wie das auch in allen anderen katholischen Ländern der Fall ist, wie zum Beispiel in Südamerika, den Philippinen und anderen ehemaligen spanischen Kolonien.

Todos los Santos ist der Tag, an dem spanische Familien nicht nur ihre Heiligen ehren, sondern auch ihre toten Verwandten und Ahnen ehren.

 

191 Familien, die meisten davon (aber nicht alle) spanisch, werden heute ihrer Verwandten gedenken, die 2004 bei den Terroranschlägen von Madrid ihr Leben verloren haben. Der Tag wird in Spanien wegen des Datums am 11. März auch 11-M genannt. 42 der Toten waren Nicht-Spanier und kamen aus 13 anderen Ländern, zumeist Südamerikas. Allein hieraus kann man auf die hohe Quote von Einwanderern schließen, die das Spanien zu Beginn des 21. Jahrhunderts ausmachen.

Gestern wurden nun die Urteile eines spanischen Gerichts in Madrid gesprochen. Drei der Angeklagten wurden für ihre Beteiligung an den Anschlägen jenes blutigen Dienstags am 11. März 2004 zu Gefängnisstrafen von jeweils über 39.000 Jahren verurteilt. Der Hauptverdächtige, ‘Mohamed der Ägypter’ genannt, wurde allerdings wegen Mangels an Beweisen vom Gericht freigesprochen.

 

Die Bombenanschlägen des ‘11-M’ bestanden aus einer Serie von kontrollierten Explosionen gegen die Cercancías-Vorortzüge Madrids. Zehn mit Sprengstoff, Schrapnell und Nägeln gefüllte Rucksäcke explodierten in vier Zügen, die im morgendlichen Berufsverkehr in Richtung des Atocha-Bahnhofs in Madrid unterwegs waren. 191 Personen verloren ihr Leben und 1841 Verletzte erlitten zum Teil schwerste Verletzungen. Die Anschläge waren die schlimmsten, die Spanien jemals in Friedenszeiten gesehen hatte.

 

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Die Bombenanschläge von Madrid spalteten Spanien alsbald in zwei Lager, und diese Konfrontierung ist bis heute spürbar. 

Die Anschläge geschahen genau 911 Tage nach dem 11. September 2001 (auch 9/11 genannt) und nur drei Tage vor Spaniens Parlamentswahlen 2004. Die konservative spanische Regierung damals unter José María Aznar von der Partido Popular (PP) beeilte sich, den Terrorakt der baskischen Gruppe ETA (Euskadi Ta Askatasuna) zuzuschieben.

 

Die Bombenanschläge veränderten die politische Lage in Spanien von Grund auf. Die konservative Regierung, die den Wahlsieg schon sicher glaubte, verlor ihr Mandat. Der Wähler wollte der ETA-Phobie Aznars nicht weiter folgen. Stattdessen ging die breite Masse in Spanien von einem Anschlag von Islamisten aus. Man nahm generell an, daß es sich um eine Vergeltungsaktion wegen der Beteiligung Spaniens am Irakkrieg handeln konnte, der bei der spanischen Bevölkerung äußerst unpopulär war und der vom Parliament in Madrid nicht durch eine Abstimmung gutgeheißen war.

Sieben der Hauptverdächtigen, zumeist Marrokaner, sprengten sich in einem Apartment in einem Vorort von Madrid selbst in die Luft, als deren Gebäude während einer Razzia im April 2004 drei Wochen nach den Anschlägen von der Polizei umstellt war.

Die überlebenden Verdächtigen, 27 Männer und eine Frau (19 Araber, überwiegend Marrokaner, sowie neun Spanier) waren nun wegen Mordes, Urkundenfälschung und Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Alle Angeklagten hatten eine Beteiligung an den Anschlägen von Madrid während des 4-monatigen Verfahrens stets abgestritten und dabei immer auf ihre Unschuld plädiert.

21 der 28 Beschuldigten wurden gestern nun wegen mindestens einer der Anschuldigungen verurteilt. Sieben der Angeklagten wurden wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Ein Angeklagter war bereits während des Verfahrens von seiner Mitwirkung freigesprochen worden.

Der Richter des Verfahrens verkündete auch, daß eine Beteiligung der spanischen Separatisten ETA nicht nachgewiesen werden konnte. Nach der Urteilsverkündung sagte der spanische Staatspräsident José Luis Zapatero: “Heute wurde der Gerechtigkeit Genüge getan. Jetzt müßen wir der Zukunft entgegensehen”.

Entschädigungen für die Opfer von zwischen 30.000 € und 1.500.000 € wurden ebenfalls festgelegt.

Die Opfer und ihre Familien sind in zwei Lobbygruppen organisiert, von denen eine dem linken Lager und die andere dem rechten Lager zugeordnet werden kann, wie das der gesellschaftlichen Lage im heutigen Spanien durchaus entspricht. Die Asociación de Ayuda a las Víctimas del 11-M hat die Urteilsfindung bereits ausdrücklich kritisiert und ist insbesondere mit den Quoten der Entschädigungen nicht einverstanden. Die zweite Opfervereinigung, Asociación 11-M Afectados por el Terrorismo, hat bereits eine Berufung gegen das Urteil von gestern angekündigt.

Aber Gerechtigkeit ist eine zarte Pflanze. Seit dem 11. September gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in Spanien eine ausgesprochene Berührungsangst, wenn nicht sogar erhebliche Vorurteile gegen Araber, insbesondere Marrokaner, Muselmanen und alles Islamische.

 

Wir werden vielleicht nie wissen, was am 9/11 oder am 11-M wirklich passiert ist. 

 

Spanien wird im März 2008 erneut Parlamentswahlen abhalten. Ich fürchte, daß die Bombenanschläge von Madrid und die gestrige Urteilsfindung den Wähler in Spanien erneut erheblich beeinflußen werden. Ich glaube nicht, daß die spanische Regierung unter Präsident Zapatero sich eines Wahlsieges allzu sicher sein kann.

 

Kategorien: Politik · Spanien · Terrorismus